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Grönland heute

Die Geschichten in meinem Roman „Bis die Sonne wiederkommt“ spielen in den Jahren 1998 bis 1999. In meinem Blog möchte ich Euch von der Situation in Grönland heute erzählen, denn der Aufbruch dieser uralten Inuitkultur mit dem Ziel, eine selbständige Demokratie zu werden, an den technologischen Errungenschaften teilzuhaben, aber dabei die eigene Identität zu wahren, bleibt beeindruckend und spannend.

Im Moment bin ich in Deutschland, obwohl ich weitere lange Grönlandaufenthalte geplant habe. Quelle meiner Berichte sind deshalb – sofern ich nichts anders angebe – Nachrichten aus der grönländischen Zeitung Atuagadliutit.

Maniitsoq 2010

Maniitsoq bedeutet auf grönländisch „unebenes Land“. Ein Name, den ich untertrieben finde für diese felsige Insel.

Von Grönlands knapp 56.000 Einwohnern leben zurzeit (Januar 2022 lt. Wikipedia) 2516 in Maniitsoq. Die Bevölkerung schrumpft. 1991 lebten noch 3197 Menschen hier. Es gibt zu wenig gute Jobs für junge Menschen, viele gehen in die Hauptstadt Nuuk oder nach Kopenhagen.

Als ich 2009 in Maniitsoq war, gab es eine große Debatte, dort ein riesiges Aluminiumschmelzwerk zu bauen. 40 % der Produktionskosten für Aluminium entfallen auf die Energiekosten. Die großen Firmen sind deshalb auf der Suche nach Orten, wo es viel Wasser und billige Energie aus Wasserkraft gibt. In der Nähe von der Insel Maniitsoq, auf dem Festland strömt viel Wasser von Gletschern ins Meer, so dass sich der Bau von Wasserkraftwerken anbietet.

Da das Aluminiumschmelzwerk aus geologischen Gründen nicht auf dem Festland gebaut werden konnte, sollte gut ein Drittel der Insel mit Hilfe von Sprengungen im wahrsten Sinne des Wortes plattgemacht werden, um hier Platz zu schaffen – ein Gedanke, der mich fassungslos machte.

Für den Bau des Schmelzwerks würden ungefähr 2000 Arbeiter aus anderen Ländern auf die Insel kommen. Einen krasseren „culture clash“ kann ich mir kaum vorstellen. 2000 ausländischer Arbeiter auf einer winzigen Insel, die von 2500 Menschen bewohnt wird. Die Chance, dass von diesen Arbeitsplätzen viele an Grönländer gehen würden, war gering. Mein Vermieter lachte über mein Argument: „Ich baue einen Fischstand vor dem Fabriktor und werde reich. Dann kann ich meine Kinder nach Dänemark zum Studieren schicken“. Die meisten Fischer, mit denen ich sprach, waren skeptisch: „Das Wasser wird wärmer und schmutziger und der Fisch wird verschwinden! Wir verlieren unsere Arbeit und unsere Kultur!“

Eine alte Frau winkte ab. „Ich sterbe bald!“ Eine andere sagte unglücklich: „Wenn zweitausend alleinstehende Männer herkommen, wie soll ich da meine Mädchen schützen?“

Der Wunsch vieler Inuit ist, endlich von Dänemark unabhängig zu werden, nicht nur einen Autonomie-Status zu haben. Noch hängt Grönland am Tropf eines dänischen Finanzzuschusses. Für mich, die ich in einem dicht besiedelten Land lebe, ist unverständlich, wie eine Gesamtbevölkerung von 56.000 Menschen die hohen Kosten für die Infrastruktur und Technologie – von allem anderen abgesehen – selbst erarbeiten könnte. Das kann nur über Ausbeutung von Rohstoffen geschehen.

Der Bau des Aluminiumschmelzwerkes wurde nach vielen Debatten auf Eis gelegt. Doch die Auseinandersetzung über den Abbau von Rohstoffen geht weiter. Heute geht es vor allem um den Abbau von seltenen Erden. Mehr erzähle ich im nächsten Beitrag.